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Worte

2021-12-06 23:05:10

Ich finde die richtigen Worte nicht mehr. Fast alles, was ich sage, klingt lächerlich. Weil es nicht ausdrückt, was ich fühle. Ich will schon so lange nicht mehr hier sein. Es wird unwirklich. Ich fühle mich wie ein Gefangener meiner selbst. Ich lebe nur noch, weil ich Angst vor dem Tod habe. Sonst wäre ich nicht mehr hier. Denn meine Entscheidung ist schon gefallen. Würde ich meine Tage entspannt verbringen, wäre es anders. Würde ich noch von Dingen träumen, wäre es anders. Was macht es schon aus. Leben oder sterben. Ich schaffe es nicht mehr, mir noch Ziele zu setzen, noch Steine zu sammeln. Nach und nach sehe ich die Fäden des Lebens, das Spinnennetz, in dem alles geschieht, und die Illusion des freien Willens als Folge dieser Komplexität. Noch nie bin ich richtig in diesem Leben gelandet, mit Wurzeln und Fundamenten. Schwebend treibe ich durch dieses Leben und durchquere alles, was sich durchqueren lässt. Ich durfte in diesem kleinen Leben von mir alles kennenlernen. Ist es langweilig geworden? Enorm. Das Einzige, was ich jetzt noch möchte, ist Natur. Für die letzten Jahre meines Lebens möchte ich die Natur um mich haben. In all ihrer Schönheit und Härte. Ehrlich. Die Natur ist ehrlich. Ohne politische Hintergedanken, ohne Machtspiele, ohne Lügen und Vorwände, ohne Abrechnungen am Monatsende, ohne Versprechen.

Am liebsten würde ich nicht mehr aufwachen. Es ist nicht so, dass ich unglücklich bin, ich kann bei diesem Spiel einfach nicht mehr mitmachen. Alle spielen nur ihre Rolle, mit dem Leben als Kulisse, und ich halte es nicht mehr aus. Das Einzige, was ich noch werden kann, ist der absurde Held. Ich muss mich darin üben, mich diesem kranken Witz, den wir Leben nennen, vollkommen hinzugeben. Wir haben ein Wort dafür, das Leben, aber es sagt nichts über die Erfahrung selbst aus. Was ist Leben? Bedeutet Leben, wählen zu können? Ist Leben freier Wille? Ist Leben Liebe? Was bedeutet dieses Wort „Leben“? Wir machen uns alle etwas vor. Niemand weiß, was wir hier tun, und alle versuchen, etwas völlig Absurdes unter Kontrolle zu bekommen. Es wird niemals Antworten geben. Die Wissenschaft hat heute auf alles eine Antwort, aber bei den wirklichen Fragen herrscht einzig und allein völlige Dunkelheit. Ein absurder Held werden. Meinen Suizidversuch zu überleben, ist das Absurdeste, was mir in meinem ganzen Leben passiert ist. Sich mit solcher Hingabe in diese Dunkelheit werfen, von allem und allen Abschied nehmen, hundertprozentig überzeugt sein, dass ich wenige Minuten später tot sein würde, und dann doch noch leben. Bald ist es vier Jahre her, und noch immer bin ich nicht froh, dass es nicht geklappt hat. Kambo ist das Einzige, was mich wieder nahe genug an diesen Moment des Sterbens gebracht hat. Also muss ich zurück zum Frosch. Meine ganze Wut herausbekommen.

Es ist so schwer, das alltäglichste Leben noch mit meiner Sehnsucht nach dem Sterben zu vereinbaren. Manchmal sagen Menschen, man solle jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Das ist völliger Schwachsinn. Man kann nicht jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Die Menschen sollten mit dämlichen Zitaten und Sprüchen vorsichtiger sein. Wäre morgen der letzte Tag deines Lebens, würdest du völlig durchdrehen. Du würdest nicht mehr schlafen. Du würdest keine Minute Ruhe mehr finden. Angst würde dich überkommen. Panik. Trauer. Wut. Alle Gefühle würden an dir vorbeiziehen. Jeden Tag leben, als wäre es der letzte. Was für ein Schwachsinn. Carpe-diem-Schwachsinn. Versuch doch einmal, dich zehn Minuten lang davon zu überzeugen, dass du in 24 Stunden sterben wirst. Zehn Minuten lang davon überzeugt sein, dass dies dein letzter Tag ist. Zehn Minuten lang davon überzeugt sein, dass morgen alles vorbei ist, dass nichts mehr da ist, dass der Tod das absolute Ende bedeutet und du danach nie, nie, nie wieder da sein wirst. Wir reden uns ein, das Leben sei etwas Schönes, aber das Leben ist grausam. Muster. Die Illusion des freien Willens. Dualität. Hart. Knallhart. Das Leben ist knallhart. Und das Leben ist die Geschichte der Lebenden. Es waren einmal tausend Menschen, die Krebs hatten und sich vorstellten, geheilt zu sein. 999 Menschen starben. Rate mal, wer das Buch darüber geschrieben hat, wie Visualisierung Krebs heilen kann...

Vielleicht sollten wir einmal aufhören, so zu tun, als wäre es hier fantastisch. Und davon ausgehen. Statt all dieser Hoffnung und Spiritualität und Seelen und Geister und eines verdammten Wandels hin zu einer neuen Art von Bewusstsein. Verdammt, ich sehe diesen Wandel nicht. Ich sehe ihn verdammt noch mal nicht. Seht ihr einen Wandel in der Welt? Seht ihr Solidarität? Seht ihr, wie in der Welt ein höheres Bewusstsein entsteht? Seht ihr die Legalisierung von Pflanzen, die Menschen wirklich helfen können? Seht ihr immer weniger Trennungen? Seht ihr immer weniger Unternehmen, die den Planeten zugrunde richten? Seht ihr immer weniger bedrohte Tierarten? Seht ihr immer mehr Hoffnung? Seid ihr blind? Ist das die neue Menschheit? Eine Menschheit, die sich etwas vormacht, um gemütlich auf ihrem Sofa sitzen bleiben zu können? Finden wir es normal, dass Sechsjährige Masken tragen müssen? Wir haben einander alles genommen, nehmen wir einander jetzt auch noch den Tod? Das Leben macht mich krank. Schon wieder dieses Wort, das Leben, als würde es etwas bedeuten.

Alle Gedanken, die du hast, hast du einzig und allein im Jetzt. Alle deine Erinnerungen existieren nur jetzt. Das Universum steht fest. Die Geschichte ist schon geschrieben, und ich bin zu einem absurden, zuschauenden Helden geworden. Obwohl. Nein. Ich bin noch nicht der absurde Held. Vorerst bin ich immer noch der feige Held. Absurd zu sein, wage ich noch immer nicht. Aber langsam wird es Zeit, völlig absurd zu werden. Es gibt ohnehin niemanden, der Antworten hat. Menschen sind Gefangene ihres Denkens. Sie haben sich eine Geschichte eingeredet und können nicht anders, als daran zu glauben. Menschen halten es für ihr eigenes Verdienst, wenn sie reich oder arm oder glücklich oder unglücklich sind. Nichts ist irgendjemandes Verdienst. Die Geschichte ist schon geschrieben. Das Leben ist, als würde man sich im Kino einen Film ansehen. Die Geschichte ist schon geschrieben. Zum Glück gibt es die Illusion des freien Willens, aber vielleicht wäre es besser, zu begreifen, dass es eine Illusion ist. Du wählst nichts. Wählen ist, als würdest du zwischen Rot und Blau wählen, während das Universum schon weiß, was du wählen wirst. Ist Wählen noch Wählen, wenn schon feststeht, was du wählen wirst? Dann sind es auch wieder nur Worte.

Worte haben nur die Bedeutung, die du ihnen gibst. Aber nicht nur Worte. Auch Dinge. Alles. Alles hat nur die Bedeutung, die du ihm gibst. Die Wahrheit rückt immer näher, und ich weiß nicht, ob ich sie überhaupt noch kennen möchte. Unser Gehirn ist selbstzerstörerisch. Meines jedenfalls. Das Leben ist ein Problem, das niemals gelöst werden kann. Das Leben selbst ist das Problem. Das Problem ist das Leben selbst. Das ist das eigentliche Problem. Alles andere ist Gerede. Alles andere ist Ego. Alles andere sind Menschen, die sich eine Geschichte eingeredet und vergessen haben, dass es nur eine Geschichte ist. Und keine Geschichte ist die Wahrheit. Jede Geschichte ist eine Lüge. Und je mehr wir zu verlieren haben, desto stärker klammern wir uns an unsere Geschichte. Je leerer wir innerlich sind, desto stärker klammern wir uns an unsere Geschichte. Je weniger wir uns unserer selbst bewusst sind, desto stärker klammern wir uns an unsere Geschichte. Menschen sind Wesen, die wie keine anderen aus einer Lüge Wahrheit machen können. Wir haben alle Angst zu sterben. Wir haben alle Angst, alles zu verlieren, was wir haben. Wir haben alle Angst, für immer zu leiden. Wir sind alle Feiglinge. Wir halten alle an Ideen fest, von denen wir wissen, dass sie Lügen sind.

Jeden Abend, wenn ich schlafen gehe, strecke ich meinen Mittelfinger aus. Bewusst. Ich zeige dem Leben den Mittelfinger. Dabei denke ich: Man weiß ja nie, ob jemand zuschaut, und demjenigen, der zuschaut, möchte ich meinen Mittelfinger zeigen. Verpiss dich. Würdest du jeden Tag leben, als wäre es dein letzter, würdest du völlig verrückt werden. Würdest du jeden Tag leben, als wäre es dein letzter, hättest du dich schon tausendmal umgebracht. Würdest du jeden Tag leben, als wäre es dein letzter, würdest du bei nichts mehr mitmachen. Es ist schrecklich, das Leben so zu sehen, wie es ist. Im Moment. Vielleicht sehe ich noch nicht alles. Aber was ich jetzt sehe, ist mehr, als die meisten Menschen sehen. Und es tut verdammt weh. Es ist furchtbar hart. Es ist eine Folter. Und ich wollte nicht einmal mehr hier sein. Ich werde der absurde Held werden. Nach und nach werde ich immer absurder werden. Ich werde dem Leben ins Gesicht lachen. Ich mache nicht mehr mit.